09 Januar 2020

„Maler ist der älteste Kreativberuf der Welt“

Das Malerhandwerk hat Nachwuchssorgen. Guido Gormanns, Geschäftsführer des Maler- und Lackiererinnungsverbandes Nordrhein, über aktuelle Entwicklungen und Strategien gegen den Fachkräftemangel.

 

Vor welchen Herausforderungen steht das Maler- und Lackierer-Handwerk aktuell?

Die perspektivisch größte Herausforderung ist wohl der sich abzeichnende Fachkräftemangel. Ein schleichender, aber stetig voranschreitender Prozess.

Woran machen Sie den fest?

Vor 20 Jahren lag das Durchschnittsalter der Beschäftigten bei 37 Jahren. Aktuell liegen wir bei fast 42 Jahren. In 25 Jahren wird also die Hälfte der heute Beschäftigten in Rente gehen
beziehungsweise bereits in Rente gegangen sein. Gleichzeitig kommt von unten deutlich weniger nach. Im gleichen Zeitraum hat sich nämlich die Zahl der Ausbildungsverhältnisse in NRW nahezu halbiert. Und die Perspektiven werden nicht rosiger. Rund 60 Prozent unserer Azubis haben heute einen Hauptschulabschluss. Die Zahl der Hauptschulabsolventen wird in den kommenden zehn Jahren aber voraussichtlich um 10 Prozent abnehmen. Die Zahl der Jugendlichen mit Abitur steigt zugleich um gut 12 Prozent. Und die wird es tendenziell an Unis und Fachhochschulen ziehen, statt eine Laufbahn im Handwerk anzustreben.

Welche Maßnahmen könnten dieser Entwicklung entgegenwirken?

Zunächst einmal müssen wir den Malerberuf wieder in den Fokus der heutigen Generation Z rücken. Manche unserer Betriebe meinen, der Malerberuf habe kein gutes Image. Ich glaube, der Malerberuf hat bei Jugendlichen überhaupt kein Image, er kommt in ihrer Wahrnehmungswelt einfach nicht vor. Denn die virtuelle Welt, sprich soziale Medien und Netzwerke, sind deren Lebenswirklichkeit. Darüber müssen wir sie erreichen. Gleichzeitig muss man den Apfel am besten direkt vom Baum pflücken. Viele Innungen und auch einige Betriebsinhaber suchen daher den direkten Draht über Aktionen in Schulen zum Beispiel bei Berufsorientierungsbörsen. Das machen aber auch andere und zum Teil mit deutlich höherem Einsatz. Mit der Kampagne „Werde
Maler“ unterstützt der Verband solche Aktionen vor Ort mit diversen Instrumenten: Kleiner Messe-Stand, passendes Info- und Werbematerial sowie Tablets, die mit Farbgestaltungsprogrammen ausgestattet sind, um Jugendlichen zu demonstrieren, dass das Malerhandwerk auch mit digitalem Werkzeug umgeht. Unter dem Internet-Portal werde-maler.de gibt es eine Praktikumsund Ausbildungsbörse, die Innungsbetriebe kostenlos nutzen können. Support gibt es reichlich, aber er könnte deutlich intensiver genutzt werden. Nehmen wir ein Beispiel: Betriebe können eine Gerüstplane bei uns ordern, auf der der Ausbildungsberuf beworben wird. Stattdessen verwenden viele Betriebe Gerüstsegel, auf denen sie ihren Materiallieferanten bewerben. Der freie Ausbildungsplatz wird bestenfalls mit dem kleinen Aufkleber auf der Hecktür des Firmenfahrzeugs angepriesen. Da ist noch Luft nach oben.

Mit welchen Argumenten würden Sie jungen Menschen die Berufsausbildung zum Maler und Lackierer empfehlen?

Was sind denn die Vorstellungen der jungen Generation vom Traumjob? Kreativ sein, Teamwork, Abwechslung, möglichst wenig Routine. Das sind alles Aspekte, mit denen der Malerberuf punkten kann. Der Maler ist der älteste Kreativberuf der Welt und wohl auch der abwechslungsreichste Allround-Beruf, den das Handwerk zu bieten hat. Auch die Karriereperspektiven sind vielfältig: Neben Geselle und Meister gibt es den Techniker oder den Betriebswirt
im Handwerk. Der Meisterbrief ist nicht nur dem Bachelor gleichgestellt, er ebnet auch den Weg ins Studium ohne Abi. Daneben gibt es Angebote für die ganz Hochmotivierten in Form eines Trialen Studiums: Gesellenbrief, Meisterbrief und FH-Abschluss Handwerksmanagement in rund viereinhalb Jahren. Man muss aber auch falsche Erwartungen zurechtrücken, um Enttäuschungen vorzubeugen: Flexible Arbeitszeitmodelle und Arbeit im Homeoffice sind keine Argumente für den Beruf.

Welche Bedeutung hat der Meisterbrief in der Zukunft und wie steht die EU dazu?

Der Meisterbrief ist eine berufliche Qualifikation der Extraklasse im nichtakademischen Bereich. Dem zollt auch Brüssel Respekt. Als Berufsreglementierung, sprich Zugangsvoraussetzung für eine Selbstständigkeit, wird der Meister jedoch immer auf Argwohn bei den Wettbewerbskommissaren stoßen. Beim deutschen Gesetzgeber steht der Meister – zumindest momentan – wieder erkennbar höher im Kurs. Das zeigt das Vorhaben, den großen Befähigungsnachweis für einige Gewerke wieder einzuführen, die bei der Novelle der Handwerksordnung im Jahr 2004 ihren Status als zulassungspflichtiges Handwerk eingebüßt haben. Dass der Meisterbrief aber ein ordnungspolitisches Instrument für einen abgeschirmten Markt darstellt, war und ist eine Illusion. Von der gesetzlichen Meisterpflicht hat es immer Ausnahmen gegeben. Ansonsten hätte das Bundesverfassungsgericht den Meisterbrief bereits in den 50er-Jahren kassiert.

Was bedeutet Digitalisierung für das Malerhandwerk?

Die Digitalisierung ist eine gesamtgesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Entwicklung, die natürlich auch vor dem Malerhandwerk nicht Halt machen wird. Wenngleich andere Branchen bereits viel stärker betroffen sind und sich in einem Umwälzungsprozess befinden, der plötzlich ganz neue Akteure hervorbringt. Auch in unserer Branche wird
die Digitalisierung neue Geschäftsmodelle befördern und Geschäftsprozesse verändern. Den rein digitalen Malerbetrieb sehe ich aber noch nicht am Horizont.

Welchen einen Rat würden Sie Malerbetrieben für die Zukunft geben?

Seien wir stolz auf die Tradition und zugleich stets aufgeschlossen für Innovation. Bleiben Sie attraktiv für den Nachwuchs.
Begegnen Sie Ihren Mitarbeitern mit Respekt und Wertschätzung, denn sie sind das wertvollste Kapital der Branche.

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